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Fortsetzungsbericht derselben Teilnehmerin nach Absolvierung des Jahrestrainings III

Das Jahrestraining III wurde zum allerersten Mal durchgeführt. Wir waren also die Pioniere, was auch bedeutete: Wir konnten niemanden fragen, "was denn da so alles passieren würde". Umso mehr raste meine Phantasie los und malte sich Bilder von noch nie dagewesen Meditations- und Atemtechniken, von ganz besonders aufregenden Übungen, von wilden Ritualen. Was sollte nach den sehr intensiven und wunderbaren Jahrestrainings I und II nun eigentlich noch kommen? Das III. Training hat mich etwas sehr Wesentliches gelehrt: Es geht beim Tantra nicht um Sensationen. Es geht einzig um die Frage, wie offen ich sein will, wie entschlossen mein "Ja" ist, wie tief ich tatsächlich atme und mich einlasse. Neulich lese ich bei Osho: "Du warst wütend und bist nur bis zu einem bestimmten Punkt gegangen. Du warst traurig und bist nur bis zu einem bestimmten Punkt gegangen. Du warst glücklich und bist nur bis zu einem bestimmten Punkt gegangen. Es gibt eine feine Markierung, über die du noch nie hinausgegangen bist. Alles geht nur bis dahin und dann hört es auf. Es geht schon fast automatisch, dass du in dem Moment, in dem du diese Linie erreichst, sofort stehen bleibst." Ich lese es und möchte es ergänzen mit: "Und ich war allein. Und ich war sehnsüchtig. Und ich war geil. Und ich hatte Angst. Und ich war auf der Suche nach Gott. Und immer bin ich nur bis zu einem bestimmten Punkt gegangen." Das III. Training hat ein dickes Band um alle zwölf Abschnitte (d.h., alle drei Jahrestrainings) geknüpft und eine Art Gesamtkunstwerk entstehen lassen. Aller guten Dinge sind tatsächlich drei. Ich blicke zurück auf meine Anfänge, aus welcher wackligen Innenwelt ich gestartet und auf welch weitem Feld ich jetzt gelandet bin. Ich habe unter Jharnas und Shantams aufmerksamen sowie liebevollen Blicken tiefe Erfahrungen mit meiner Wut, meiner Traurigkeit, meinem Glück, meinem Alleinsein, meiner Sehnsucht, meiner Geilheit, meiner Angst und meiner Suche nach Gott gemacht. Und mit ihrer Hilfe habe ich vor allem meine feinen Markierungen überspringen können. Ich bin hinausgewachsen über die Linie, an der ich 40 Jahre lang stehen geblieben bin. Zum ersten Mal begreife ich Tan-Tra leibhaftig in seiner ursprünglichen Wortbedeutung von "sich ausdehnen und sich befreien".
Meine Ängste, Komplexe und Minderwertigkeitsgefühle waren auf meinem gesamten tantrischen Weg  treue Weggefährtinnen. Beim "Ritual der Inanna" waren sie plötzlich verschwunden und stattdessen standen dort drei andere: kraftvolle Lust, meine ureigene weibliche Ausstrahlung und Freude! Und beim Ritual des letzten Abschnitts standen dort: eine feine, ganzkörperliche Erregung, mein uneingeschränktes "Ja!" zu allem und Liebe! Das war eine Sensation, wie man sie sich nicht vorstellen kann! Das war, als würde ich aus einem Dornröschenschlaf erwachen, als würde ich die "Chinesische Mauer", wie Osho sie nennt, komplett abreißen und noch einmal von vorne beginnen. Wir Tantriker kommen natürlich auch nicht aus dem luftleeren Raum. Wir gehen nach unseren Trainings zurück in Büros und Krankenhäuser, in Banken und Kaufhäuser. Wir haben doofe Chefs und schwierige Mütter, Operationen und Familienfeiern, kaputte Autos und gescheiterte Beziehungen. Wir haben Angst und keinen Sex, große Ideen und kleinliche Herzchen. Das ist alles ganz normal, und ich habe jetzt, nach dem III. Training endlich aufgehört, darauf zu warten, dass mein Alltag mit Zuckerguss überzogen und mit einem goldenen Schein versehen wird. Manchmal ist es gut, einfach zu lachen über diesen großen Witz, der Alltag heißt, in dem wir abwechselnd der Hans-Wurst, der Held, der Angsthase, Dick & Doof und Spiderman sind.

 

Aber ich habe eine Vision. Ich sehe die, die ich bin, deutlich vor mir. An der "Chinesischen Mauer" lehnte lange eine, die von der Pieke auf gelernt hatte, den Platz einzunehmen, den man ihr zugeteilt hat. Die an der Teppichkante entlanggeschlichen ist in der vorsichtigen Hoffnung, dass man sie wenigstens ein bisschen mögen würde. Die das gegessen hat, was auf den Tisch kam. Nach Abriss der Mauer wird da die stehen, die ihr Essen und ihren Platz sorgfältig auswählt. Die was zu sagen hat und es furchtlos tun wird. Die ihre Kraft zum Fliegen, ihre Lust zum Lieben und ihre Liebe für die Lust nutzen wird. "Es" wird passieren und von nichts mehr aufzuhalten sein.

Zum Schluss möchte ich etwas tun, was ich immer zu vermeiden gesucht habe: Ich möchte für Jharnas und Shantams "Tantrische Vision" werben, und zwar in der allerplumpesten Form:

"Nehmt euren ganzen Mut und eure letzten Kröten zusammen und geht diesen einzigartigen Weg. Ihr wollt doch immer Effizienz und mehr rausholen, als ihr eingesetzt habt. Hier könnt ihr es! Meldet euch für die drei Trainings an, lasst euch fallen, vertraut den beiden. Erlaubt Jharna und Shantam, einen achtsamen Blick auf euch zu werfen, und atmet tief mit. Zieht euch aus und springt, egal, wie sehr die Brüste dabei auch wackeln mögen. Lasst es nicht zu, dass ihr immer an eurer eigenen Mauer stehen bleibt. Dass euer gesamtes Potenzial verkommt. Dass ihr als Künstler und Zauberer auf die Welt gekommen seid und jetzt in der Buchhaltung arbeitet. Dass euer Herz überläuft vor Liebe und ihr Kleingeld zählt. Dass eure Lust ein Vulkan ist und ihr daraus ein Friedhofslämpchen gemacht habt. Lasst es nicht zu, dass ihr immer älter werdet und noch immer keine Rolle in eurem eigenen Leben bekommen habt. Bewerbt euch und spielt um euer Leben! Wagt es, allein zu sein und bleibt nicht da, wo es keine Inspiration und keine Phantasie mehr gibt. Verliebt euch in euch selbst und wartet nicht auf Mister Perfect. Wagt etwas, scheitert und steht ruhig auch mal doof da. Man stirbt nicht daran. Nur Mut! Sonst könnt ihr nämlich niemals entdecken, dass ihr fliegen könnt! Dass ihr tatsächlich Phönix seid!

Danke! Danke! Danke, Jharna und Shantam! Ich liebe euch aus vollem Herzen!
Martina Ossoble (und ich würde mir wünschen, dass diesmal mein kompletter Name da steht!)

 

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