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Fortsetzungsbericht der Teilnehmerin und Autorin des "Erlebnisbericht nach einem Einführungswochenende" nach Absolvierung des Jahrestrainings I

"Resumee meines Jahrestrainings I

Ganztagsjob

Als ich vor drei Jahren zum ersten Mal im Seminarhaus Schwalbenthal saß, hatte ich den miserabelsten Ganztagsjob, den man sich nur denken kann. Ungefähr 16 Stunden am Tag war ich - natürlich unbezahlt - damit beschäftigt, mir Gedanken über mich selbst zu machen. Und nicht, dass jetzt ein falscher Eindruck entsteht: Ich war damals keine Philosophin. Ich war eine etwa 120 Kilo schwere Frau, geschieden, Mutter einer Tochter, allein lebend, seit Jahren ohne Sex, die sich ‚irgendwie' durch ihr Leben wurschtelte, für andere bestens, für sich selbst schlecht bis gar nicht sorgen konnte. Meine Gedanken kreisten unaufhörlich um so existenzielle Fragen wie ‚Wird in diesem Training eine sein, die dicker ist als ich? Welche Ausrede ist die beste, um nicht mit anderen in einem Zimmer schlafen zu müssen? Hoffentlich gibt es getrennte Duschen! Und: Wird noch ein Zug fahren, wenn ich abreisen muss, weil mich fürs Ölritual niemand gewählt hat?'

Die Meditationssequenzen waren für mich, obwohl mir die Knie weh taten, mich oft eine seltsame Unruhe befiel und der ‚Krähengang' wie eine große düstere Bedrohung über allem schwebte, die einzigen Zeiten, in denen ich vom Karussell meiner eigenen Gedanken steigen und mich, wenn auch nur ein wenig, erholen konnte.

Was ich allerdings im Gepäck hatte, und dafür bin ich mir aufrichtig dankbar, waren zwei Dinge: die ganz klare Erkenntnis, dass etwas passieren muss, und Mut! Diese beiden Dinge reichen zunächst völlig aus. Den Rest kann man getrost in die Hände von zwei wirklich erstklassigen Lehrern geben: Jharna und Shantam.

Mach das Feuer nicht an

Im Laufe des Jahrestrainings I ist es mir gelungen, endlich vor meinen quälenden Fragen, vor meiner Scham, meinen Ängsten und Nöten stehen zu bleiben und ihnen nicht mehr, wie in all den Jahrzehnten zuvor, auszuweichen. Ich habe in meinem Leben vieles nicht gewagt und nicht riskiert, weil ich Absagen, Enttäuschungen und Scheitern vermeiden wollte. Das Prinzip war: ‚Mach das Feuer nicht an. Dann hast du zwar keine Wärme, aber du kannst dich auch nicht verbrennen'. Natürlich war das, was ich beim genaueren Hinsehen dann entdecken musste, nicht immer nur die reine Freude (um es einmal vorsichtig zu formulieren):

Ich bin tatsächlich 42 Jahre alt. Meine Haut ist durch Schwangerschaft und Übergewicht gedehnt. Ich wiege nach wie vor über 90 Kilo. Viele Männer finden schlanke Frauen attraktiver als dicke. Ich habe Zahnlücken und Haare, wo keine sein sollten. Ich weiß immer noch nicht, wohin ich beruflich gehöre. Und ich bin oft sehr einsam.

Na und?

Dazu gibt es für mich heute nicht mehr zu sagen als ‚Na und'. Und ‚Na und' heißt keinesfalls: ‚Das interessiert mich nicht!' oder ‚Wer mich sooo nicht will, der braucht mich gar nicht zu wollen', oder ‚Dann schlaft doch mit der blöden Holländerin! Die ist bestimmt dööfer als ich, auch wenn sie tausendmal schlank ist!', sondern es heißt:

'Ja, ein Teil meiner Zeit ist um.' - ‚Ja, ich kann in diesem Leben nicht noch einmal in einem neuen Körper beginnen.' - ‚Ja, dein Nein schmerzt tief in meinem Bauch.' - ‚Ja, meine Einsamkeit und Sehnsucht treiben mir immer öfter die Tränen in die Augen, je älter ich werde.' - Und: ‚Ja, ich könnte platzen vor Neid und Eifersucht, wenn ich die Holländerin nur sehe, die du so sehr begehrst!'

Weiteratmen

'Kein Drama. Keine Verdrängung. Weiteratmen.', sagt Jharna mit ihrer sanften Stimme. Und ich schließe die Augen und atme tief weiter. Atme in meinen Schmerz und meine Enttäuschung und meine Eifersucht hinein und atme so lange aus, bis meine Lungen vollständig leer sind. Die Zeiten, die ich im Gefängnis meiner eigenen Gedanken verbracht habe, sind im Laufe des Trainings immer kürzer geworden. An die Stelle von ‚Oh Gott, was denken die bloß von mir?' ist mehr und mehr die sichere Überzeugung getreten, dass es für mich Wichtigeres zu tun gibt, als mir auszudenken, was die anderen wohl über mich denken könnten. Ich habe eine Aufgabe in diesem Leben und kann mich nicht bis ans Ende meiner Tage vorrangig mit meiner schlaffer werdenden Haut beschäftigen. Dazu fehlt mir die Zeit, mal ganz abgesehen davon, dass es irgendwie auch langweilig ist.

Wofür bin ich gekommen?

Ich habe es geschafft, dieses absurde und nicht zu gewinnende Kopfspiel zu beenden, das Knäuel zu entwirren. Jetzt, am Ende des ersten Trainings, stehe ich der zentralen und tatsächlich existenziellen Frage gegenüber: ‚Wofür bin ich eigentlich gemacht?' Jharna bittet mich, die Frage anders zu formulieren: ‚Wofür bin ich gekommen?'. Ich fühle den Unterschied. ‚Ja, wofür bin ich eigentlich auf diese Welt gekommen?'

Mit dieser Frage habe ich am Samstag, einen Tag vor Beendigung des Jahrestrainings I, ein neues Spielfeld betreten. Auf diesem Feld läuft ein Spiel, bei dem ich ab jetzt mitspielen werde. Denn für dieses Spiel bin ich bereits perfekt ausgestattet! Für dieses Spiel ist jeder bereits perfekt ausgestattet! Es geht darum, authentisch - und damit attraktiv - zu werden. Es geht darum, ganz ohne Anstrengung an ‚seinen natürlichen Platz zu fallen'.

Was ist eigentlich Tantra?

Wieder daheim sitze ich an meinem Schreibtisch und denke darüber nach, was Jharna und Shantam da eigentlich machen. Was ist Tantra? Im Schwalbenthal ist Tantra kein Ringelpiez mit anpacken. Keine Fummelei in roter Kutte. Kein scheinheiliges Om-Singen und abgedrehtes Zum-Himmel-Schreien. Es ist aber auch kein verkopfter Psychotherapie-Marathon oder symptomorientiertes Rumgemurkse wegen der schlimmen Mama. An all dem würde zumindest ich sicher nicht teilnehmen.

Tantra, wie die beiden es anbieten, ist die Chance, unter professioneller, erfahrener, achtsamer und liebevoller Betreuung den Blick zu riskieren in die verletzte Seele. Es ist die Chance, Zorn, Schmerz, Freude, Angst, Lust und Liebe wirklich zu fühlen. In Herz, Bauch und Unterleib. Und sich immer wieder mit allem, was da ist, einzuordnen in einen Größeren Zusammenhang. Aha, so ist das also mit mir.

Die Tantrische Vision ist die Aufforderung, Verantwortung zu übernehmen, wirklich Mut und Einsatz zu zeigen und es dann abzugeben an eine Höhere Instanz. Es ist die Möglichkeit, heil zu werden durch Nähe und liebevolle Berührung; das Angebot, sexuelle Energie zu fühlen und zu nutzen und Mütter, Väter, Lehrer und Pfaffen endlich aus den Schlafzimmern zu jagen.

Heringsfässer

'IHR entscheidet, ob ihr mit einem Fingerhut oder mit einem Eimer kommt, um euch hier etwas abzuholen!', sagt Shantam. Ich habe früher samstags auf dem Wochenmarkt Fische verkauft und erinnere mich an die riesigen Fässer voller Salzheringe, die unser Chef allwöchentlich aus Hamburg kommen ließ. Ich kann nur jedem empfehlen, sich für das Schwalbenthal ein solches Fass zu besorgen.

In Achtung und Dankbarkeit für all die wunderbaren Menschen, die in den Gruppen sitzen, mich ermutigen und schützen, vor allem in tiefer Achtung und Dankbarkeit für Jharna und Shantam, deren Arbeit ich voller Überzeugung nur zu gerne beschreibe, auch, um damit meinen Dank zum Ausdruck zu bringen!

Namasté"

 

 

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