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Erlebnisbericht zu einem Einführungsseminar

Folgender Brief erreichte uns von einer Teilnehmerin (39 Jahre, Journalistin), der uns sehr bewegt hat und den wir mit ihrer Erlaubnis hier abdrucken.

Es ist meine erste Tantra-Erfahrung.

Ich fahre einfach los, vertraue meiner Freundin, lasse mich ein.

Meine abgrundtiefe Angst kann mich nicht abhalten. Ich spüre, dass es Zeit ist, mein Herz zu öffnen.

Ich danke meiner alten Freundin dafür, dass sie mir den Weg hierher gezeigt hat.

Ich danke T., der mir die Reise erträglich gemacht hat.

M. für ihr Strahlen und ihre Geduld.

Allen in der Gruppe für ihre Achtung und Zuneigung.

Und ich danke Jharna und Shantam, zwei wunderbaren Menschen, für ihre Wärme, Fürsorge, Behutsamkeit, Klugheit, Wachheit und Liebe. Dafür, dass sie all ihr Wissen, ihre Erfahrungen, Inspiration und Instinktsicherheit zur Verfügung stellen und ich mich bei ihnen in besten Händen wähnen darf.

Ich danke dem Himmel für dieses Geschenk.

Und für die große Gnade.

Namasté,

M.

Am Freitag befinde ich mich in einem miserablen Zustand. Die Angst ist noch stärker geworden als an den Tagen zuvor, mein Kopf dröhnt, und mir ist so schwindlig, dass ich mitunter das Gefühl habe, ich würde die Besinnung verlieren. T., der Mann aus Düsseldorf, der mich mitnimmt, entpuppt sich als ein verblüffend aufrichtiger, offener und zarter Mann, der mich fast liebevoll auf der Fahrt unterhält und betreut. Es stellt sich heraus, dass er ein alter Tantra-Hase ist, der an diesem Wochenende die Assistenz in der Gruppe übernommen hat und es mit seiner Verpflichtung zur Fürsorge sehr ernst zu nehmen scheint - und zwar in meinem Fall von Anfang an. Er hat bereits große Teile der Welt bereist und sich diversen "Prüfungen" ausgesetzt. Vor allem aber scheint er unersättlich zu sein in seiner Neugierde auf die Welt, die er in sich selbst zu entdecken aufgebrochen ist. Ich sitze neben ihm wie ein Häufchen Elend und bin froh, dass ich nichts tun muss als nur dasein. Er spürt, wie elend ich bin und wie viel Angst ich habe.

Das Wetter ist auf der Hinfahrt grauenhaft. Sturm wechselt sich mit Regen und Wolkenbrüchen ab. Je weiter wir uns Kassel nähern, um so mehr hagelt und schneit es, und als wir endlich am Fuß des immerhin 750 Meter hohen Berges ankommen (auf den wir müssen) macht eine dichte, schneeweiße Nebelschicht die Auffahrt fast unmöglich. T. bleibt ruhig und besonnen und scheint, im Gegensatz zu mir, kein bisschen Angst zu haben.

Um 20 Uhr kommen wir endlich oben an. Ich stelle mein Gepäck in den Flur des alten Hauses und gehe in den großen Raum, der wohl Ess- und Aufenthaltsraum ist und von dem eine Tür in den "Seminarraum" führt. Pantoffeln, Schlappen und Schuhe in diversen Größen und Materialien stehen davor, ich schätze mal fünfzehn Paar. M., die zusammen mit T. die Assistenz übernommen hat, empfängt mich herzlich, bittet mich jedoch flüsternd, ganz leise zu sein, da die anderen gerade meditieren. Ich bezahle wortlos die restliche Gebühr und schleppe meine Tasche hoch in das Zimmer vier, das man für mich vorgesehen hat. Gott sei Dank, wenigstens ein Einzelzimmer! Das Haus ist alt, die Stufen sind schräg und knarren beim Betreten. Alles ist renoviert, wenn auch einfach und bescheiden. Und jemand hat sich große Mühe gegeben, das Haus gemütlich einzurichten und mit Sorgfalt zu schmücken. Die Farben in den Zimmern sind aufeinander abgestimmt, kleine Accessoires hier und da wirken überaus sympathisch.

Ich packe meine Tasche aus, ziehe Leggings, dicke Socken und einen bequemen Pullover an und gehe runter. Die anderen sitzen jetzt beim Abendessen. Zum ersten Mal in meinem Leben bin ich in einer Gruppe und kenne niemanden, nur T. ein bisschen. Der umarmt gerade eine Frau, mit der er sehr vertraut zu sein scheint, und setzt sich dann zusammen mit ihr an einen Tisch, an dem für mich kein Platz mehr ist. Ich suche mir irgendeinen freien Stuhl. Um mich herum Geschnatter, Gebrabbel. Hallo, ach, Du bist auch hier. Wie schön, Dich zu sehen. Warst Du nicht auch Ostern hier zur Initiation? Und Du, wie heißt Du? Ich, ... ich heiße M., antworte ich gedankenversunken und fast ein bisschen schüchtern.

Mir gegenüber sitzt ein Mann mit französischem Akzent. J.-M. Er reicht mir das Brot. Neben mir ein sehr junges Mädchen, das mit ihrem Freund gekommen ist. Auf der anderen Seite ein älterer, hagerer Mann. Er lächelt mich mit gütigen Augen an. J.-D. Hoffentlich kann ich mir seinen Namen merken.

Das Essen schmeckt vorzüglich. Es gibt ein exotisches, köstlich gewürztes Linsengericht, dazu frisches Kornbrot und Käse. Ich höre, wie alle, die das Haus schon kennen, vom schmackhaften Essen schwärmen. Eine junge Frau, die vegetarisch kocht, ist für unsere Mahlzeiten zuständig.

Ob jemand was gegen gemeinsames Duschen habe. "Ich möchte Euch einladen, vielleicht die oder der Einzige zu sein, der gegen das gemeinsame Duschen ist. Habt Mut und steht zu dem, wonach Euch wirklich ist!", sagt M. und lacht dabei freundlich.

Ich sitze verloren im Raum, fühle mich schäbig und mickrig. Alle kommen mir schön vor, jedenfalls viel schöner und besser als ich. Nur der Gedanke, mit all diesen Menschen gemeinsam duschen zu müssen, dreht mir schon den Magen um. Auf was habe ich mich hier bloß eingelassen?

Niemand sagt etwas gegen das gemeinsame Duschen.

Wir gehen in den Seminarraum: ein riesiger Raum mit großen Fenstern, edlem Parkettboden und einer gigantischen Anlage. Auf der Erde in einer Ecke ein kleiner Altar: Blumen, Kerzen, eine Kobra aus Stein und ein meditierender Buddha. In der anderen Ecke ein ganzer Stapel mit Matratzen, Wolldecken und Meditationsbänkchen.

In der Mitte des Raumes liegen Matratzen im Kreis. Wir setzen uns. Jharna und Shantam eröffnen die Runde. Sie sprechen von der Schwierigkeit, in den wenigen Stunden, die uns zur Verfügung stehen, zur Ruhe zu kommen, zu sich zu finden und zudem noch eine Idee davon vermittelt zu bekommen, was Tantra für sie ist. Sie betonen noch einmal das, was ausführlich in ihrem Begleitheft steht: Es gibt keinerlei Grenzüberschreitungen. Jeder bestimmt, was er tut und lässt. Jeder kann sich jederzeit zurückziehen. Und es gibt keine sexuellen Vereinigungen. Einen großen Teil der Zeit würden wir mit Meditationsübungen, Yoga und Atemtechniken verbringen und dabei die eine oder andere Übung erlernen, die auch alltagstauglich ist.

Vorstellungsrunde. Jeder nennt kurz seinen Vornamen und sagt einen Satz dazu, mit welchen Gefühlen, Hoffnungen und Erwartungen er/sie gekommen ist. Mir ist inzwischen so übel, dass ich kotzen könnte. Außerdem dreht sich mein Schädel rasend schnell. Die Erwartungen der Teilnehmer sind ganz unterschiedlich. Sie kommen, um einen sensibleren Umgang mit sich selbst und der Welt zu üben. Um wieder mehr zu fühlen. Sie wollen ihre Konzentration verbessern. Ihre Kräfte zentrieren. Zu sich selbst kommen. Sie wollen damit aufhören, in der Welt herumzuirren, für jeden verfügbar zu sein und bei allem nur Zuschauer und Konsument zu bleiben. Eine Frau sagt, sie wolle wieder teilnehmen am Leben. Ihre Lebendigkeit und Sinnlichkeit entdecken. Berühren und berührt werden. Beobachten, was sie zulassen könne, ohne es bewerten zu müssen. Ein netter Mann sagt, er suche nach neuen Wegen. Eine Frau spricht davon, eine neue Reise anzutreten oder die begonnene fortsetzen. Ein Mann möchte aufhören, die Welt zu sortieren und zu kontrollieren und sich ihr einfach mehr anvertrauen.

Ich sehe in die Runde. Neun Männer und neun Frauen, die meisten sind mindestens fünfunddreißig bis vierzig, bis auf ein blutjunges Pärchen und J.-D., der fast sechzig sein dürfte.

Ich bin an der Reihe, kann kaum sprechen. "Ich bin so verunsichert", sage ich. "Ich kann auf nichts zurückgreifen, was mir sonst zur Verfügung steht. Ich habe nur Angst. Und ich brauche Hilfe." Mir rollen die Tränen. Es ist so gefährlich, was ich hier tue. Ich kann mich kaum erinnern, wann ich zum letzten Mal in meinem Leben so wenig wusste, was zu tun ist. Was richtig und falsch ist. Ich wünschte, jemand würde es mir sagen, mich an die Hand nehmen. Ich bin ein hilfloses Kind. Eine junge Frau sieht mir tief in die Augen und weint mit mir. Shantam lächelt mir zu. "Es ist sehr mutig, was Du hier tust," sagt er zu mir. "Sag uns, in welcher Form wir Dir helfen können. Wir sind für Dich da."

Nach der Vorstellungsrunde tanzen wir. Erst ganz langsam und vorsichtig mit geschlossenen Augen, jeder für sich. Ich spüre, wie sich ein paar meiner Verkrampfungen lösen, wie geschützt ich mich fühle - nicht sehen, nicht gesehen werden. Die Musik wird wilder und lauter. Einige fangen an zu stampfen, zu keuchen, man hört Sprünge, Töne, Husten. Wir sollen die Augen öffnen, den Anderen, der uns begegnet, bewusst ansehen und wahrnehmen, einfach wahrnehmen. Es gibt nichts zu bewerten. Aha, so sieht er/sie also aus. Der Mann mit dem verspannten Gesicht und dem etwas zynischen Zug um den Mund. Die frische I., die etwas Männliches hat. A. mit ihrer tollen Figur. Eine ältere Frau hustet in einer Tour. J.-M. strahlt über das ganze Gesicht und hüpft wie ein Rumpelstilzchen von einem Bein auf das andere. M. tobt laut und albern durch den ganzen Raum. Lacht befreit. W. sieht mich offen an. T. nickt allen wohlwollend zu. Der gutaussehende ältere Mann bewegt sich vorsichtig, aber irgendwie sehr geschmeidig. C., eine schöne dunkelhaarige Frau, tanzt wie eine Orientalin. I. bleibt vor mir stehen, sieht mir tief in die Augen. Wir fangen an zu weinen. Unaufhörlich laufen Tränen über unsere Wangen. Tief unten in ihren Augen sieht sie unendlich traurig und verletzt aus. Es kommt mir vor, als kenne ich sie schon mein Leben lang. Wir umarmen und trösten uns. Ich merke, wie offen und zugänglich ich bin in meiner Verunsicherung. Aber auch verletzbar. Ich habe hier nichts zu verlieren. Alle wissen bereits, dass ich große Angst habe.

Wir setzen uns, und es beginnt eine lange Meditationsübung. Wir fangen damit an, tief durch die Nase ein- und durch den Mund auszuatmen. Wieder und wieder. Tiefer und tiefer. Meine Beine sind das aufrechte Sitzen nicht gewohnt, protestieren, schlafen ein. Aber es gelingt mir langsam, sie zu vergessen, mit dem Atemrhythmus die Gedanken einfach kommen und gehen zu lassen, nichts festzuhalten. Langsam falle ich in eine Art tiefen Wachzustand, zentriere mich in mir selbst. Alles verliert seine Bedeutung. Ich drossele mehr und mehr mein Tempo. Es ist, als würden Maschinen ausgeschaltet, die seit langer Zeit ohne Unterbrechung laufen. Eine nach der anderen. Es wird ganz still in mir. Und hell. Ich verliere mein Zeitgefühl, höre Jharna nicht mehr, die uns vorher mit ihrer sanften Stimme angewiesen hat, nur wahrzunehmen. Nichts zu bewerten, nichts ändern zu wollen. Wahrnehmen und Da-Sein. Ganz wach. In diesem Augenblick. Hier und jetzt. Ich tauche ab für eine Weile. In eine andere Welt, die friedlich und unendlich ist. Ich fühle mich wie unter Wasser.

Irgendwann ertönt eine Zimbel. Es ist das verabredete Zeichen, den Atem zu vertiefen und wieder zurückzukommen. Langes Gähnen und Räkeln. Ich fühle mich erstaunlich erholt, wenngleich meine Angst nicht verschwunden ist. Ich trinke noch einen Schluck Tee und stelle mich unter die heiße Dusche. Geschäftiges Treiben im Bad. Zähne werden geputzt und Haare gebürstet, Make-up entfernt und Seifen aufgeschäumt. Ein Mann wäscht sich sorgfältig, fast andächtig die Füße. Er sieht mich lächelnd an. Außer mir duscht niemand. Ich lasse das heiße Wasser über meinen Körper laufen. Schließe die Augen und höre auf, über mich nachzudenken.

Der nächste Tag beginnt mit Yoga-Übungen und einer Meditation. Ich bin ruhiger als am Vorabend. Auch diesmal falle ich in diesen wunderbaren Zustand, wenn auch nur für kurze Zeit. Danach gibt es frisches Obst und Dinkelbrei und Käse und herrliches Brot. Ich fühle, wie meine Lebensgeister langsam erwachen. Inzwischen kenne ich die Namen von allen, und vorsichtig beginnt das eine oder andere Gespräch. Dann gehen wir in "unseren" Raum, und wählen eine/n PartnerIn, mit dem wir die nächste Übung machen wollen. W. zwinkert mir zu. Ich bin unendlich erleichtert.

Wir legen fest, wer zuerst "dran" ist. W., der Mann mit den schönen Augen, legt sich auf die Matte vor mich. In der Übung geht es (nach sehr genauen Anweisungen) darum, verschiedene Stellen des bekleideten Körpers zu berühren, zu halten, zu reiben, zu wippen und zu schaukeln und auf diese Weise Verspannungen zu lösen. Bevor die Übung beginnt, sammeln wir uns für einen kurzen Augenblick, betrachten den Anderen liebevoll und versprechen wortlos, ihn mit Achtung und Respekt zu behandeln. Es macht mir Spaß, W. zu berühren, sein Lächeln und Wohlgefühl zu sehen, seinen Gesichtszügen die Entspannung abzulesen, seine Dankbarkeit zu fühlen. Als ich an der Reihe bin, schließe ich die Augen und lasse mich einfach fallen. W. kniet hinter mir und hält meinen Kopf in seinen Händen. Mir fließen die Tränen, weil ich plötzlich meine Sehnsucht nach Nähe und Halt spüre. Er beginnt, kräftig mein Becken zu schaukeln. Mit jedem Schwenk lasse ich die Kontrolle mehr los. Es ist die totale Entspannung. Mein ganzer Rücken wird geschmeidig, Schmerzen und Verspannungen verschwinden. Ich fange an zu lächeln, zu lachen, zu quietschen, zu stöhnen. Ich genieße es, nichts, absolut nichts tun zu müssen. Es gibt weder richtig noch falsch. Kein Anfang, kein Ende, kein Ziel und keine Verpflichtung. Nach der Übung lasse ich mich zudecken und bedanke mich bei W. für seine gute Behandlung. Er strahlt mich an und dankt mir ebenfalls. Wir legen uns gemeinsam unter die Decke und halten uns schweigend fest.

Nach einem wunderbaren Mittagessen schlafe ich tief und träume wildes Zeug. Die Ankündigung des Abends liegt mir schwer im Magen. Es soll ein "Ritual" geben mit Kundalini-Rückenmassage und anschließendem Einölen für die, die es wollen. Oh Gott. Mit wem soll ich das machen. Bestimmt finden mich alle Männer hässlich und dick und doof oder haben Angst vor mir.

Der Nachmittag beginnt mit einer Begegnungsmeditation. Ich bin unkonzentriert und tue mich schwer mit meinen einschlafenden Beinen. Ich kann meine Angst nicht beiseiteschieben, überlege, ob ich das sogenannte "Ritual" vielleicht nicht mitmachen sollte. Die Frauen setzen sich jetzt in einen Innenkreis, und ein Mann setzt sich ihnen gegenüber. Begegnung zwischen Shiva und Shakti, dem Männlichen und dem Weiblichen. J.-D., der Yoga- und Tantra-Kenner, der hagere Mann mit den gütigen Augen, wählt mich und setzt sich lächelnd vor mich. Ich freue mich, weil ich ihm irgendwie vertraue. Auch bei dieser Übung wird nicht gesprochen.

Wir sehen uns lange an. Ich sehe, wie sich in seinen Augen Tränen bilden, Tränen über Tränen, die langsam anfangen zu rollen. Er sitzt einfach da, ganz aufrecht und bewegungslos. Und weint. Ich weine mit ihm. Dieser Mann, den ich gestern zum ersten Mal in meinem Leben gesehen habe, rührt mich zu Tränen. Wir erkennen uns hier in diesem Raum, weit weg von unserem Alltag und allen Vorstellungen, die wir von Männern und Frauen bisher hatten, und die nur einen kleinen Teil dessen abzudecken scheinen, was zwischen Mann und Frau möglich ist. Er verneigt sich tief vor mir - mit einer Hochachtung, wie ich sie noch nie erlebt habe. Es kommt mir vor, als entschädige mich dieser achtungsvolle Blick eines wildfremden Mannes für vieles, was ich an Missachtung in meinem Leben erfahren habe. Und mit meinem Blick entschädige ich ihn. Ich spüre, wie viel Wärme und Zuneigung ich für ihn empfinde, und fühle auch seine Wärme und Zuneigung zu mir. Wir verharren lächelnd Hand in Hand, bis wir unsere Augen schließen müssen und sich der nächste Mann vor mich setzt, um sich vor mir zu verneigen und meine Verneigung vor ihm zu genießen. Es ist ganz merkwürdig, was bei diesen Übungen passiert. Natürlich ist mir nicht jeder gleich sympathisch, natürlich rührt mich nicht jeder zu Tränen, aber man lernt es, den Anderen, egal, wer er ist, egal, wie er aussieht, einfach als Mann zu achten und zu respektieren. Wir Frauen verneigen uns vor Shiva, dem Männlichen, der wichtigen Hälfte dieser Welt, die gleichzeitig auch Bestandteil von uns selbst ist. Und umgekehrt. Diese Übung hat etwas sehr Heilsames, jenseits aller Geschlechterkämpfe und merkwürdigen Vorurteile und Vorstellungen, die wir von dem Wesen und der Sexualität des anderen haben. Wenn man keine Angst zu haben braucht, sich nur einlässt und das mit dem nötigen gegenseitigen Respekt tut, wird plötzlich eine echte Begegnung möglich zwischen Mann und Frau. In diesem geschützten Raum kann ich es wagen, die Augen für Neues zu öffnen und es ausprobieren.

In jedem Gesicht, das mir gegenübersitzt, steht etwas geschrieben. Jeder dieser Männer löst etwas anderes bei mir aus. Nur wahrnehmen, ist auch hier wieder das Motto. Nichts bewerten.

Aha, so ist das also mit Dir.

Die Runde endet mit demjenigen, mit dem sie begonnen hat: in meinem Fall mit J.-D. Wie zwei Altvertraute strahlen wir uns an und freuen uns unseres Wiedersehens. Mit ihm möchte ich gerne das furchterregende "Ritual" machen. Ich vertraue ihm und schäme mich nicht vor ihm.

Nach einem abermals köstlichen Abendessen beginnen die Vorbereitungen. Alle schrubben und duschen sich, dabei wird gelacht und rumgealbert, es wird gecremt und parfümiert. Alle ziehen frische und schöne Sachen an, tragen Gegenstände (Federn, Steine, Sterne, Engel, Tücher, Dosen, Kästchen und alles Mögliche), die sie beim Ritual begleiten und beschützen sollen, zu ihren Matten.

Es beginnt mit Stille, um zu sich zu kommen und seine Mitte zu finden. Die Übungen helfen mir über meine Angst und Unsicherheit. Meine merkwürdigen Gefühle lösen sich fast immer vollständig auf, wenn ich zu mir komme und aufhöre mit quälenden und unfruchtbaren Gedanken darüber, wie ich wohl bin und wie ich eigentlich sein müsste oder sollte. Meine Gedanken ziehen wie Wolken an mir vorbei, einfach so, ich nehme sie kurz wahr, aha, das denke ich also gerade, und lasse sie wieder los. Am Ende dieser Meditationen steht das stille Gefühl, dass alles einfach nur so ist, wie es ist. Es gibt nichts zu bewerten, nichts zu verachten, nichts zu ändern. Es kehrt so etwas wie tiefer Friede ein und ein Gefühl von großer Liebe.

Partnerwahl: B. kommt mir zuvor und schnappt mir J.-D. weg. Oh Gott, was soll ich nur tun? Ich sehe ihn verzweifelt an, auch er zuckt bedauernd mit den Schultern. Ich bin eine der letzten und wähle noch einmal W. Er scheint sich zu freuen.

Wir setzen uns voreinander, singen gemeinsam ein Mantra und beginnen mit dem Ritual des Verneigens. Ich liebe diese Geste. Ich liebe sie von ganzem Herzen, weil sie mich wachsen lässt unter dem Schutz und der Achtung des anderen und mir gleichzeitig die Möglichkeit gibt, meiner Achtung Ausdruck zu verleihen. Ich glaube, ich werde mich in Zukunft vor jedem Mann verneigen, dem ich meine Achtung und meinen Respekt zeigen will, egal, ob ich mit ihm reden, essen oder schlafen möchte.

W. zieht sich aus. Sein ganzer Körper ist übersäht mit Narben einer großflächigen Neurodermitis. Ich erschrecke für einen Augenblick. Er sieht mir gerade in die Augen und sein Blick bittet mich, ihn trotzdem zu achten.

Ich hebe meinen Kopf und lächle. Ich achte ihn. Die Kundalini-Rückenmassage ist eines der wunderbarsten Dinge, die ich je körperlich erfahren habe. Dabei werden mit bestimmten Techniken, Wirbelsäule und Kreuzplatte massiert, gerieben, betrommelt und mit heißem Atem verwöhnt. Es ist himmlisch!!! Auch diesmal ist W. vor mir dran. Nach der Rückenmassage beginne ich damit, warmes Öl über seinen Rücken laufen zu lassen und es einzumassieren. Dabei gibt es keine Anleitungen, sondern es ist eine Frage der eigenen Phantasie und der Reaktion, die der Massierte (nicht-verbal) zeigt, wie wir dabei verfahren. Ich genieße es, ihn zu verwöhnen, fühle mich weiblich und stark. Wir lachen und atmen gemeinsam, er stöhnt genussvoll und dann wieder albern vor sich hin. Es geht dabei nicht darum, jemanden aufzugeilen oder anzumachen, sondern ihn zu verwöhnen, weil er es wert ist, verwöhnt und beschenkt zu werden. Alle Gefühle vom kleinkindlichen Geborgenheitsgefühl bis zu animalischer Geilheit sind erlaubt. Sie sind eben alle so, wie sie sind. Dabei ist es wichtig wahrzunehmen, dass sexuelle Gefühle nur ein Teil des Ganzen sind, und eben auch kein besserer oder schlechterer. Der Mensch, der sich mir vorbehaltlos anvertraut, ist ein Mensch mit Seele, Geist, Herz, Verstand und Sexualität. Ich freue mich so, ihn da vor mir liegen zu sehen und beschenken zu dürfen. Seinem Gesicht kann ich ablesen, dass er mir vertraut und sich geborgen und in guten Händen fühlt. Wichtig ist es bei der Übung, nicht lange an einer Stelle zu bleiben, sondern den ganzen Körper im Blick und in den Händen zu haben: Bauchnabel, Achselhöhle, Brustwarze, Zehenspitze, Penis, Schenkelinnenseite, Zehnagel, Fingerspitze, Handrücken, Halsfalte, jedes einzelne Stückchen Haut gehört eben dazu.

Als ich dann an der Reihe bin, werde ich fast verrückt vor Freude, Wonne, Lust, Hingabe, Geilheit und Dankbarkeit. Noch nie bin ich auf eine solche Weise berührt und verwöhnt worden. Die Zeit steht still. Ich lache, heule, jaule, wimmere, stöhne, winde und drehe mich, und, was das Wichtigste ist: Ich fühle mich weiblich und schön. Alle meine Gedanken, ob ich zu dick, zu hässlich oder sonst wie nicht passend sein könnte, verschwinden. Ich spüre, wie viel Kraft die Liebe hat, die ich in mir trage und die ich der Welt gerne schenken möchte. Ich fühle mich unendlich befreit. Ab und zu blinzle ich durch meine Augenschlitze und sehe, wie selig W. mich anlächelt, während er mich unermüdlich massiert.

Das Ritual endet lange nach Mitternacht wieder mit dem Verneigen voreinander, und wir liegen noch eine Weile gemeinsam unter unserem Laken. Für einen Augenblick nehme ich wahr, wie sehr ich mich zum Männlichen hingezogen fühle, wie lange es her ist, dass ich mich einem Mann völlig hingegeben und ihn in mich aufgenommen habe. Ich nehme wahr, wie schmerzlich ich es vermisse. Dabei bewerte ich nichts, plane keine Veränderungen, keine Übergriffe in diesem Moment. Im geschützten Raum, in dem ich mich befinde, nehme ich es einfach nur wahr. Ich sehe W.'s Lust und freue mich über die Ruhe, mit der auch er daliegt und sich zu beobachten scheint. Ich bekomme eine Ahnung davon, dass sexuelle Begegnungen etwas Heiliges haben können, wenn sie begleitet und getragen sind von Achtung, Zuneigung und eigener Freiheit. Mir ist vieles abhandengekommen im Laufe der Jahre, des Abschottens, des Wundenleckens. Ich weiß jetzt, dass ich die sexuelle Begegnung suche, deren Basis Würde, gegenseitige Achtung und tiefe Zuneigung ist, ohne dass sich dabei eine Ehe anbahnen müsste (würde Jharna jetzt sagen!).

In der Abschlussrunde am Sonntag muss ich wieder weinen, aber diesmal vor Glück und Dankbarkeit, eine solche Erfahrung gemacht zu haben. Ich verabschiede mich herzlich von allen, verbringe ein paar Minuten mit J.-D. in Stille. Ohne Worte sagen wir uns, wie gerne wir das Ritual miteinander gemacht hätten. J.-D. streicht mir kräftig über den Rücken und verneigt sich noch einmal tief vor mir. Ich genieße es, vor allem von einem Mann in den Arm genommen zu werden, der mich total verunsichert hat und von dem ich sicher war, dass er mich zum Kotzen fände. "Ich muss ein Stück von Deiner Liebe, Deiner Lebenslust und weiblichen Kraft mitnehmen, bevor ich nach Hause fahre", sagt er beim Abschied zu mir, "ich habe mich nicht getraut, auf Dich zuzukommen, weil ich mir nicht schön und gut genug vorgekommen bin für eine Frau wie Dich!" Ich halte ihn ganz fest. Himmel, welch ein Geschenk. Und das gerade von ihm.

Ich bin wieder zu Hause. Sitze an meinem Schreibtisch. Der Alltag hat mich wieder.

Und mitten zwischen Rechnungen und langweiligen Sachtexten liegen meine ersten Zeilen. Der Versuch, einem sehr wichtigen Freund zu beschreiben, was ich beim Tantra erlebt habe. Er hat Angst, dass ich es ihm vielleicht nicht würde mitteilen können.

Ich denke nach, fange an zu schreiben. Ich will nämlich nicht abtauchen, nicht irgendeine geheimnisvoll-elitäre Sache machen, die kein Mensch mehr nachvollziehen kann. Ich möchte offen bleiben.

Etwas ist angestoßen in mir und beginnt zu rollen. Unaufhaltsam. Ich muss diesmal gar nichts tun. Ganz von allein beginnt es zu wirken...

 

 

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