07. Die Tantrische Vision

"Was hat Dich in dieses Tantra-Seminar geführt?" ist eine der ersten Fragen, die wir den TeilnehmerInnen stellen. Die Antworten reichen von "Wieder Zugang zu meinen Gefühlen finden" und "Mein Bewusstsein erweitern" bis zu "Sexualität in eine spirituelle Dimension heben".
Braucht man dazu ein östliches, spirituelles System?
Ist da nicht die Gefahr, dass wir dafür als westlich-geprägte und geschädigte Konsumüberdrüssige gar nicht bereit sind?
Verleitet uns vielleicht gar der sinnlich-erotische Aspekt des Tantra, diesen Weg benutzen zu wollen, um lediglich unser Sexualverhalten zu verbessern?
Angesprochen auf diese Themen wollen wir als Leiter eines Instituts, das nunmehr seit sechs Jahren Tantra-Seminare anbietet, einen Einblick geben in unser Erleben und Weitergeben von Tantra als spirituellem Selbstentfaltungs- und Wachstumsweg.
Tantra bedeutet: sich ausdehnen (selbstgezogene Grenzen erweitern), verweben (z.B. die Erfahrungsebenen physisch, mental, emotional und spirituell, aber auch weiblich und männlich), das Bewusstsein erweitern.
In der von uns gelehrten Art verbinden wir östliche tantrische Kriya-Yoga- und Meditationstechniken mit westlichen Selbsterfahrungselementen. Für den Praktizierenden ist so der Bezug zum eigenen Leben wesentlich leichter wahrzunehmen und das Eintauchen in ein uns erst einmal fremd anmutendes System kann viel schneller geschehen. Wir achten auf eine sinnvolle Ausgewogenheit beider Richtungen:

Soviel Tantra wie möglich, soviel Selbsterfahrung wie nötig

Tantra ist ein Selbsterfahrungs- und Selbstfindungsweg zum Wesentlichen, der jeden Aspekt unseres Lebens einschließt.
Selbstentfaltung, Entdecken und Lebenlernen der eigenen Fülle auf allen Ebenen, In-Balance-Kommen mit den inneren und äußeren Kräften von YIN (weiblich, fließend, entspannt usw.) und YANG (männlich, strukturierend, aktiv usw.) und die Verbindung von Eros und Spiritualität sind die wesentlichen Themen in unseren Seminaren. In der praktischen Umsetzung heißt das, ein Experimentierfeld aufzubauen, in dem die Spürfähigkeit des Körpers, die Vorstellungen und Gedanken über sich selbst und andere(s), die Vielfalt der Gefühle und Erotik sowie die natürliche Spiritualität erfahren und erweitert werden können.
Dieses Wiederentdecken der persönlichen Ganzheit und die liebevolle Selbstannahme bilden die notwendige Basis, um sich den überpersönlichen Bereichen zuzuwenden, in die tantrische Lehren leiten. Ist doch Transformation, das Wechseln von unser Leben bestimmenden, persönlichen, eher materiell orientierten Antrieben, Begierden und Zielen hin zu den überpersönlichen, mehr geistigen Ebenen, ein zentrales Anliegen dabei.

Wer besucht Tantra-Seminare?

Der tantrische Weg, so wie wir ihn verstehen und in unseren Seminaren vermitteln, zieht Menschen an, die bereit sind, sich einzulassen auf die Erforschung ihres Potenzials. Sie sind zwischen 20 und 70, wobei die Altersgruppe um die Lebensmitte herum überwiegt. Sie sind auf der Suche nach sich selbst, jenseits der Begrenzungen und Alltagszwänge, die unser auf die Befriedigung von Sicherheit, Konsum und materiellen Bedürfnissen ausgerichtetes Leben mit sich bringt. Sie spüren, dass das Leben mit den Werten, die die westliche, hochtechnisierte Gesellschaft prägen, nur ein kleiner Teil dessen ist, was Menschen zu leben möglich ist. Sie ahnen, dass Leben mehr sein kann, als sie bisher erfahren konnten. Sie sind bereit, Neues zu wagen und versprechen sich von Tantra Hilfen, in Kontakt zu kommen mit den Bereichen menschlichen Potenzials, die bisher noch keinen Entfaltungsraum in ihrem Leben hatten.
Menschen, die diese Seminare besuchen, sind meist intellektuell geprägt, rational und dynamisch, haben oft aber Probleme mit ihrer Körperlichkeit und Gefühlswelt. Insofern liegt ein erster Schwerpunkt im Erforschen und Erspüren der vernachlässigten physischen, emotionalen und spirituellen Erlebenswelten.
Wenn moderne, vorwiegend mental ausgerichtete Menschen Zugang zu ihren vernachlässigten Anteilen finden, kann der tantrische Weg betreten werden, den das Erkennen, Annehmen und Nutzen der sexuellen Energie kennzeichnet. Voraussetzung dafür ist neben dem Sensibilisieren der Sinne und dem Spüren- und Lenkenlernen von Energieströmen im Körper auch die Heilung von Verletzungen unserer natürlichen erotischen Kraft. Tantra ist eines der wenigen religiösen oder spirituellen Systeme, das Sinnlichkeit und Eros als transformierende Kraft bejaht und benutzt.

Selbstentfaltung auf dem tantrischen Pfad

Ist die Kontaktaufnahme mit dem eigenen Potenzial geschehen, sind Verletzungen und Einschränkungen speziell der erotischen und emotionalen Komponenten erkannt und bereit, losgelassen zu werden, kann die Selbstentfaltung auf ursprünglichen tantrischen Pfaden weitergehen. Jetzt ist die Möglichkeit gegeben, in tantrischen Ritualen, über klar vorgegebene Schritte, zusammen mit einem/r PartnerIn, Energie zu wecken und diese für das spirituelle Wachstum zu benutzen. Nicht die persönlichen Wünsche, Begierden und Sehnsüchte wie beispielsweise Lustbefriedigung stehen im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, sondern die Aktivierung unserer überpersönlichen Natur. Bewusstseinsentwicklung, Verschieben der uns antreibenden Werte vom Habenwollen zum Dienen und vom Materiellen zum Immateriellen hin kennzeichnen dieses spirituelle Wachstum. Praktisch geschieht dies durch verschiedenste Methoden der Energielenkung von den unteren zu den oberen Energiezentren (Chakren) hin.
Mit dieser erlebten Erfahrung unserer Möglichkeiten eröffnen sich neue Ebenen in der Gestaltung unserer Beziehungen zu anderen Menschen. Wir begegnen unserem Gegenüber mit größerer Achtung und Respekt. Wir erkennen in ihr/ihm eine der vielen Ausdrucksformen des Göttlichen, von Shakti oder Shiva. So kann die Begegnung ein freudiges Teilen und Beschenken aus der eigenen inneren Fülle sein statt eines Bettelns um Liebe und Anerkennung aus Gefühlen von Unvollkommenheit.
Berührt werden die TeilnehmerInnen in der Regel von der yin-orientierten Haltung der tantrischen Lehren, die erst einmal "Ja" sagt zu dem, was ist, die einlädt, anzunehmen, was das Leben gerade bringt, die beschützend begleitet, tiefer zu schauen, die initiiert, zu schmelzen und loszulassen, wenn es Zeit ist, anstatt gegen etwas zu kämpfen, es verändern zu wollen, es analysieren, bewerten und ggf. abgrenzen und ausschließen zu wollen. Für viele ist es ein erstmaliges in Kontakt kommen mit einer solchen bedingungslos annehmenden Haltung, die nichts Menschliches verbietet, sondern vielmehr den Raum öffnet für das bewusste Entfalten und Verbinden aller menschlichen Erlebens- und Ausdrucksebenen. Aus diesem Genährtwerden heraus entsteht die Energie, Freiheit und Lebendigkeit, die Menschen bewegt, Tantra in ihren Alltag hineinzutragen, tantrische Lebensart zu praktizieren.

Praktisches Erfahren

Schwerpunkte unseres Lehrens liegen weniger im Bereich von Theorie, analysieren und verstehen dessen, was geschieht, sondern wir laden ein, Neues auszuprobieren. Praktisches Ausprobieren, Hinspüren, was mit und in uns geschieht, welche neuen Räume sich auftun, welche Gefühle, Körperempfindungen und Gedanken ausgelöst werden, wenn wir in die so lange vernachlässigten Erfahrungswelten eintauchen, ist der Weg.
Der Schlüssel dazu ist, den Inneren Beobachter zu aktivieren, was über die Reinigung und Aktivierung des sechsten Energiezentrums (3. Auge) geschehen kann. Wenn wir, egal was passiert, präsent bleiben können und, ohne zu bewerten, mit einem inneren "Aha, das geschieht jetzt!" zum Beobachter des kosmischen Lebensspiels werden können, verlieren die Dinge ihre Ernsthaftigkeit und Bedrohlichkeit und wir sind verbunden mit dem "Ja" zum Leben und zur Existenz.
Eine besondere Rolle nimmt dabei der Kosmische Kobra-Atem ein. Er ist eine wichtige Technik, um die Chakren zu erwecken und zu harmonisieren und die Basisenergie lenken zu lernen (siehe auch S. 20: Der Kosmische Kobra-Atem).
Der tantrische Weg für den westlichen Menschen bewegt sich zwischen Disziplin und Geschehenlassen.
Disziplin ist nötig, um regelmäßig unserem Energiesystem Reinigung und Stärkung zukommen zu lassen, so dass wir die tantrischen Energielenkungsmeditationen (allein und mit PartnerIn) überhaupt durchführen können.
Geschehenlassen bedeutet zu erspüren, welche Impulse (geistig, physisch oder emotional) gelebt werden wollen, sie sich total und ohne Bewertung entfalten zu lassen sowie sie als Teil und momentane Ausdrucksform unserer Lebendigkeit zu sehen. Oft müssen diese Impulse dann im Äußeren gar nicht mehr ausgedrückt werden, sondern das Bewusstsein über das Geschehen genügt, um uns wieder mit Allem verbunden zu fühlen.
Die meisten von uns bevorzugen nur eine dieser beiden Haltungen, mit der Folge, sich vom harmonischen Fließen zwischen diesen lebenskennzeichnenden Polaritäten entfernt zu haben. Tantra kann uns helfen, diese beiden Pole neu auszuloten, zu verbinden und sie in einem angemessenen Wechsel zu leben.

Teilnehmerstimmen

"Hier einige Stimmen von Teilnehmern unserer Seminare über ihre Erkenntnisse und Einsichten auf diesem Weg:  

 

"Ich habe gelernt, von Vorstellungen loszulassen und immer wieder bewusst im Moment zu leben."
"Es ist alles da, was ich dachte, suchen zu müssen."
"Ich kann jetzt Sexualität und Spiritualität verbinden. Beides schließt sich nicht aus, sondern bedingt sich."
"Ich habe begriffen, worin Dienen, Dankbarkeit und Demut bestehen."

Für uns ist es ein Geschenk, unser Leben heute Tantra widmen zu können. Das Tantra zugrunde liegende Welt- und Menschenbild fasziniert uns wie kein anderes in seiner bedingungslosen Annahme aller Ebenen menschlichen Seins und Erlebens. Mit dem liebevollen "Ja" zu Körperlichkeit, Lebensfreude und Sexualität ebenso wie zu allen anderen möglichen Ausprägungen menschlichen Potenzials, fanden wir die lebensbejahende, nichtwertende, sich dem Fluss des Lebens hingebende innere Haltung, nach der wir so lange gesucht hatten.
Menschen initiieren und begleiten zu dürfen, die in der Tiefe ihres Wesens bereit sind, den tantrischen Weg zu betreten und zu erforschen, berührt uns immer wieder von Neuem. Kann doch dieser Weg in einer Gesellschaft und in einem Zeitalter, das vorwiegend geprägt ist von persönlichen Zielen, von materiellen Werten und Kampf um diese scheinbaren Werte, Alternativen spürbar werden lassen. Tantra kann zu einer Verschiebung der lebensbestimmenden Themen führen. Vor allem zum wirklich spürbaren Erleben, dass wir all das, wonach wir außerhalb von uns zu suchen gelernt haben, wofür wir anderes Leben zerstören und manchmal rücksichtslos kämpfen, bereits in uns tragen. Tantra kann uns helfen, unsere innere Fülle -"unsere Göttlichkeit"- wiederzuentdecken und damit lebensschädigendes Verhalten loszulassen. Tantra ist ein praktischer Weg in erweiterte Dimensionen unseres Bewusstseins, der heute mehr und mehr Menschen anzieht und dabei die für viele in unserer Zeit so berührende Erfahrung ermöglicht, dass wir wirklich mehr sein können, als ein in erster Linie nach persönlicher Befriedigung strebendes Wesen.

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