06. Tantra als Weg - Rituale als Tor

Tantrische Rituale - für einige sinnlicher Höhenflug, für andere Angstauslöser, für "Eingeweihte" die Tür zu einem höheren Energieniveau und neuen (inneren) Räumen auf dem Weg zu Selbstentfaltung und Transformation. Auf alle Fälle aber etwas, das nicht unberührt lässt.

Rituale - eine besondere Form

Erinnerungen an Rituale der verschiedensten Kulturen tauchen auf - Fruchtbarkeits-, Geburts-, Hochzeits- und Sterberituale ebenso wie Priesterweihe, Vereidigung oder gar die morgendliche Tasse Kaffee - und vermischen sich mit Erzählungen oder Berichten über tantrische Praktiken der Energietransformation.
Das Lexikon verrät uns, dass ein Ritual eine feste Gottesdienst- und Kultordnung beschreibt. Auf dem tantrischen Weg kann dies leicht vergessen oder vernachlässigt werden und die Ritualform wird dann mehr zu einer zwar besonderen Form der Energieerweckung, ohne aber den transformativen Aspekt (Gottes-Dienst), um den es im Tantra doch geht, zu berühren.

Was sind tantrische Rituale?

Verschiedenste Ursprünge tantrischer Lehren, beispielsweise solche, die die sexuelle Ebene und partnerbezogene Praktiken mit einbeziehen, gegenüber solchen, die rein meditative Praktiken für den Einzelnen vermitteln, bilden die Basis für das heute fast schon unüberschaubare Kaleidoskop von Tantra-Erfahrungsmöglichkeiten.
In Anbetracht dieser Fülle und unterschiedlichster inhaltlicher Schwerpunktsetzung ist die Frage, was tantrische Rituale sind, nicht allgemein zu beantworten. Möglich ist aber, eine bestimmte Form, beispielsweise ein tantrisches Ritual für Paare, das sich der Erweckung, Erforschung und Nutzung sinnlich-erotischer Energie zu transformativen Zwecken widmet, herauszunehmen und dieses so zu beschreiben, wie es sich auf dem Weg, den wir lehren, bewährt hat.

Eine andere Dimension

Rituale sind eine Chance, innerhalb eines tantrischen Selbstentfaltungsweges bewusste und vertiefende Erfahrungen mit uns selbst und anderen jenseits der Alltagsrealität zu machen. Sie versetzen uns in einen unbekannten Raum, in dessen anderer Dimension Reinigung, Heilung und Veränderung geschehen kann. Letztendlich helfen sie uns, Kraft und Mut für unser Wachstum aufzubauen und uns in Dankbarkeit und Respekt an Kräfte jenseits unserer Kontrolle zu erinnern, uns für sie zu öffnen und uns mit ihnen zu verbinden.

Sei achtsam mit dem Feuer

Grundsätzlich haben Rituale verschiedene Phasen. Sofern es sich um Rituale im sinnlich-erotischen Bereich handelt, orientieren wir uns an der Lehre des Vigyan Bhairava Tantra: "Beim Beginn sei achtsam auf das Feuer am Anfang, und indem Du dies fortsetzt, vermeide die glühende Asche am Ende".
Dies bedeutet in der Umsetzung, dass nach dem Einladen des spirituellen Raumes die Erweckung, Steigerung und Kanalisierung der Lebens-(Sex-) Energie folgt und das Verteilen der geweckten Energie, Hineinentspannen und Verweilen auf diesem hohen Energieniveau den Abschluss des Rituals bildet.

Sinnliches Ritual für Paare

Es ist Ritualabend! Die TeilnehmerInnen sammeln sich festlich gekleidet und gespannt auf das, was kommen wird, vor dem Gruppenraum.
Wohin wird die tantrische Reise heute führen? Was will der Moment lehren? Welche Türen zu neuen unbekannten Räumen werden sich auftun?
Weicher Kerzenschein, gedämpftes warmes Licht aus schalenförmigen Lampen, anregende Düfte von Räucherstäbchen und erwärmtem Massageöl ziehen ihre Aufmerksamkeit zu diesem heute Abend besonderen Raum. Die sanften Klänge meditativer Musik lassen die TeilnehmerInnen beim Näherkommen verstummen und den Blick in das Innere des Ritualtempels lenken. Ein Farbenmeer aus Blumen, bunten Tüchern, Federn und golden schimmernden Klangschalen becircen die Augen und lassen Vielfalt erhoffen. Mehrere Matratzen, um eine festlich geschmückte Mitte angeordnet, laden ein, einzutreten und den eigenen Bereich vorzubereiten. Mitgebrachte Amulette, Kristalle, Tarotkarten und andere Ritualgegenstände verwandeln die eben noch leeren Matratzen zu vielfältig schimmernden Ritualplätzen.

Einander neu erleben

Die besondere Form lädt ein, einander in neuer Weise zu erleben. Es öffnet die Tore ins Unbekannte. Jenseits gewöhnlichen, alltäglichen Begegnens kann achtsameres und tieferes gegenseitiges Entdecken geschehen.
Wir haben eine einfache und klare Struktur für diesen Abend gewählt, die hilft, Neues zu erforschen, ohne von Gewohnheiten und Mustern zu stark eingeengt zu werden. Konkret heißt das, dass dieses Ritual eine Eröffnungs-, eine Vertiefungs- und eine Abschlussphase hat, wobei jede dieser Phasen im Kontext zum gewählten Thema steht, hier: die Erweckung und Transformation der Sinnlichkeit. Inhalte und Dauer der einzelnen Phasen sind festgelegt und geben dem Ritual einen eindeutigen Rahmen, innerhalb dessen erweiternde Schritte in neue Erlebnisräume leichter fallen. Denn je sicherer der äußere Rahmen gestaltet wird, desto angstfreier und entspannter können innere Begrenzungen erweitert werden.

Eros, Liebe und Spiritualität verbinden

In einem sinnlichen Ritual kann der faszinierende, aber ebenso nach wie vor tabuisierte und unerlöste sinnlich-erotische Bereich erforscht werden. Sinnlichkeit und Energie werden erlaubt, erweckt, gesteigert und kanalisiert. Letztendlich um die Verbindung von Eros, Liebe und Spiritualität als ein Hauptanliegen des tantrischen Weges erahnen, erfahren und mehr in das eigenen (Liebes-)Leben integrieren zu können.
Zu Beginn nehmen die Paare voreinander sitzend und mit ihrer Aufmerksamkeit ganz bei sich selbst ihre sternförmig angeordneten Ritualplätze ein. Gedanken an Vergangenes, Vergleiche mit anderen Ritualen, Leistungsdruck, Ängste vor dem Kommenden, allgemeine Aufregung und Unruhe lassen spürbare Spannung aufsteigen. Die Erlaubnis, all dies dem ausströmenden Atem zu übergeben, es loszulassen und sich mit dem Einatmen auf das Herzchakra einzustimmen, lässt das Spannungsempfinden deutlich weniger werden. Mit dem Ton der Klangschale weihen wir gemeinsam mit den Teilnehmern den Ritualraum durch das Anrufen von Kräften, Qualitäten und Emotionen, die wir ausladen für die Zeit dieses Abends bzw. einladen, uns jetzt zu begleiten. Dies ergibt ein Stimmungsbild dessen, was die TeilnehmerInnen im Moment bewegt, schafft einen Raum von Klarheit und Offenheit und lässt ahnen, wohin das Ritual führen kann. Stehen beispielsweise Anrufungen der Kräfte von Achtsamkeit, Behutsamkeit, Stille usw. im Mittelpunkt, so wird voraussichtlich das Ritual in andere energetische Räume führen, als wenn die Kräfte von Lebendigkeit, Lust, Feuer usw. dominieren.

Die Einstimmung

Die nächsten Minuten sind einigen kleinen Atemübungen zur inneren Reinigung, dem Ausgleich von Yin und Yang und der Bewusstwerdung der Energieströme in jedem Einzelnen gewidmet. Das gemeinsame Singen von "Gate, Gate ...", eines Mantras aus dem Herzsutra, verbindet alle an dem Ritual Teilnehmenden inklusive des leitenden Teams über den Klang und stimmt die Paare auf eine Herzverbindung ein. Intensiviert wird sie dadurch, dass mit einer Hand das Herzchakra des Partners berührt wird, die sich öffnenden Augen verschmelzen können und ein gemeinsamer Atemrhythmus entsteht, wenn die Paare sich tief aufeinander einlassen wollen. Der weiche Blick kann immer mehr die verschiedenen Masken durchdringen, die im Alltagsleben entstanden sind. Dahinter erscheint oftmals ein ganz zartes, unschuldiges Gesicht. Rituell begrüßt wird Shakti oder Shiva, als Ausdruck des Göttlichen im Anderen. Mit einer Geste von Achtung und Respekt - dem Namasté - den gefalteten Händen und einer Verneigung, endet diese Öffnung der spirituellen Ebene des Rituals.
Im nun folgenden vertiefenden Teil füttern sich die Paare gegenseitig mit Früchten und Wein, was Spaß macht und den sinnlichen Aspekt dieses Abends spielerisch einleitet.
Shakti, die Initiatorin im traditionellen Tantra, übernimmt nun den aktiven Teil der Erweckung des inneren Feuers durch Berührung mit Federn, Tücher, dem Atem, Tönen, Öl, den Händen und verschiedenen anderen Körperteilen. Shiva, als Empfangender, gibt sich all dem hin, atmet, lässt spontane Impulse der Stimme und des Körpers geschehen und erlebt, wie seine Lebensenergie sich mehr und mehr steigert. Schließlich zieht er mit dem Atem, innerer Visualisierung und speziellen Muskelkontraktionen die freiwerdende Energie nach oben und verteilt sie im Körper und den einzelnen Chakren.
Nach der festgelegten Zeit tauschen Shiva und Shakti ihre Rollen, so dass jetzt Shakti von Shiva verwöhnt und erweckt wird.

Die tantrische Hochzeit

Im Anschluss an den aktiv erweckenden und bewusst kanalisierenden Teil verschmelzen beide mit dieser prickelnden und angeregten Energie in Stille, Eins-Sein und Ausdehnung. In Anlehnung an das Ziel aller tantrischer Techniken - "Die innere tantrische Hochzeit", was die Verbindung von weiblicher und männlicher Energie in jedem Einzelnen beschreibt, das Einswerden mit sich selbst und die damit verbundene Unabhängigkeit von einem anderen Menschen -, leiten wir nach einiger Zeit des gemeinsamen Nachspürens die Abschlussphase des Rituals ein. Jetzt trennen sich die Paare und jede/r nimmt, sichtlich verwandelt durch das Wecken, Steigern, Kanalisieren sinnlich-erotischer Energie und dem stillen Verschmelzen mit dem Partner, nun wieder auf dem eigenen Kissen Platz. Mit der Haltung des aufmerksamen, nicht bewertenden Beobachters geschieht die Integration des entfachten Feuers in Körper, Gefühlen und Geist, in dem das innere Geschehen, ohne irgendetwas zu tun, wahrgenommen wird.
Besonders dieser letzte Teil des Sich-wieder-Trennens nach einer bestimmten Zeit ist wertvoll, da dadurch die Tendenz, in der Sinnlichkeit weiterzuschwelgen, unterbunden und Raum geschaffen wird, die erweckte Energie wirklich in einer neuen Form zu erleben!
Zum Abschluss alleine sitzen, nach innen spüren und in hoher Energie im eigenen Zentrum sanft vibrierend ruhen, schafft die Möglichkeit, einen zentralen Kern tantrischen Lebens zu kosten. Nämlich den, jenseits von Entladung erotischer Energie und dem damit verbundenen Energieverlust, mit gesteigerter Energie und Präsenz auf höherem Energieniveau zu glühen. Mit einem erneuten gemeinsamen "Gate, Gate ..." - Singen, einer Verneigung in Dankbarkeit voreinander und dem Anschlagen der Klangschale endet das Ritual.
Wenn die Ritualstruktur erst einmal im Bewusstsein integriert ist, kann die Gestaltung noch viel freier geschehen und man kann immer mehr im Erweckungsteil spontanen Impulsen folgen. Das kann bedeuten, dass zu Beginn eine bestimmte Vorstellung über den Ablauf besteht, aber die betretenen Energieräume plötzlich auf neue Wege führen, jenseits von Absicht und Wissen. Gerade dann, wenn wir diesen Zeichen folgen, im Nichtwissen fließen, uns aber nicht dabei verlieren, sondern bewusst bleiben, die grundlegende Struktur bewahren und eins werden mit dem Erleben, können sich vollständig neue Dimensionen auftun.

Das Geschenk

Ein Ausdruck dieses Neuen besteht darin, sinnlich-erotische Begegnungen mit Geliebten intensiver als Geschenk zu erleben. Als ein Geschenk, das uns öffnet für den genussvollen, wärmenden, nährenden und lebendig vibrierenden Fluss in uns selbst, der in tiefer Verbindung mit Geliebten entstehen kann, aber dessen Aufrechterhaltung nicht von diesen abhängig ist. Statt dessen wird durch die Praxis tantrischer sinnlicher Paarrituale spürbar, dass Geliebte eine wunderbare Tür für die eigene Erweckung und Erhöhung des Energieniveaus sein können, um sich dann wieder voneinander zu lösen und im wahrsten Sinn des Wortes unabhängig von Geliebten im Energiefluss zu bleiben, jetzt genährt durch die universelle Energie. Dieses Geheimnis tantrischer Lehren, wahrhaft beglückenden Genuss, innere Harmonie und Verbindung mit der größeren Kraft mit Hilfe von Geliebten, aber dennoch jenseits von ihnen zu finden, ist über tantrische Rituale erfahrbar. Ein Tor, das uns Wesentliches für unser Wohl-Sein mit uns selbst, mit unseren menschlichen und dem göttlichen Geliebten eröffnen kann.

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