03. Ständiges Suchen neuer flüchtiger Reize und/oder vertiefende Hinwendung zu Altbewährtem

Wohin richte ich meine Aufmerksamkeit? Wem oder was schenke ich meine Präsenz? Wofür bin ich offen? Welche Angebote im Selbstentfaltungsbereich dringen vordringlich in mein Wahrnehmungsfeld?
Fragen wie diese ermöglichen Lichtblicke und Erkenntnisse zur inneren Einstellung zum Leben, den zugrunde liegenden Antrieben für unsere Handlungen und für so manches Problem.
So wird im Sinne des Modells tantrischer Selbstentfaltung klar, welche Ebenen möglichen Erlebens (körperliche, mentale, emotionale oder spirituelle Ebene) uns momentan besonders anziehen und welche Lebensthemen (materielle Basis, Sexualität, persönliche Kraft, Liebe, Selbstausdruck, Geisteskräfte oder Selbstverwirklichung) in uns starke Resonanz erzeugen.
Denn das, was uns anzieht, das, was unsere Wahrnehmung erfasst, will erkannt, in unser Leben integriert werden. Menschen oder Dinge dagegen, die uns nicht fesseln, keine Resonanz in uns erzeugen, haben momentan keine Bedeutung für unser Leben, unser Wachstum, sagt so manche Lehre.

"Neues" - immer interessanter und reizvoller als "Altbewährtes"?

Belegt durch vielfältige Experimente wissenschaftlicher Forschung scheint es einen Mechanismus in uns zu geben, der uns vor allem zu Neuem, Unbekanntem und Außergewöhnlichem hinzieht. Je schriller, unerwarteter und unbekannter der Reiz, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass wir ihn bemerken.
Von diesem Effekt lebt die Werbeindustrie und Konsumgesellschaft. Immer wieder neue kreativere Werbespots haben die Aufgabe, ins Wahrnehmungsfeld der Konsumenten einzudringen und sie zum Konsumieren zu verführen. Ständig und möglichst schnell nach Neuem streben, Neues erschaffen und einverleiben, das ist die Devise, auf der Fortschritt und Wachstum beruhen.
Ist das wirklich so?
Wie dem auch sei, was hat das alles mit mir und der Tantrischen Vision zu tun, magst Du fragen? Wesentliches! Beschriebene schnelllebige Konsumhaltung beobachten wir auch auf dem tantrischen Selbstentfaltungsweg. Fasziniert werden unserer Erfahrung nach tantrisch Interessierte häufig von kurzfristigen "Happenings", die mit immer neuen Methoden vermeintlich spektakulärere Erfahrungen erwarten lassen. Weniger begeisterte Resonanz ernten dagegen Anregungen, intensiver und längerfristig altbekannte, wirksame Übungen zu praktizieren.

Paradoxon

Es scheint paradox. Die Sehnsucht nach Berührbarkeit, nach tieferer Verbindung mit dem eigenen Inneren, mit geliebten Menschen und mit der universellen Energie führt oftmals auf den tantrischen Weg. Aber gerade das, was diese Sehnsucht erfüllen kann, die Bereitschaft zum Einlassen, zum tiefer Hinschauen und Hinspüren sowie geduldiges, wiederholendes Üben geeigneter Methoden ist schwer.
Allzu verlockend scheint da die Flucht nach vorn. Und das ist in unserer yang-orientierten Zeit und Gesellschaft ständiges Suchen nach neuen Reizen, gleich der genetischen Programmierung eines männlichen Spermas. Neues Leben schaffen, schnell, zielstrebig, möglichst breit streuend und immer auf der Jagd nach dem noch besseren Ei.
Und dennoch wird das mit perfektester Yang-Energie gezeugte Leben nur geboren werden und wachsen können, wenn stetig nährende, geduldig da seiende und viele Jahre lang Liebes- und Pflegedienste ausübende Yin-Energie hinzukommt.

"Neues" und "Altbewährtes" im Einklang

Die Tantrische Vision beinhaltet neben Ausdehnen, Entdecken unserer Fülle und Möglichkeiten, neben dem Erweitern unserer Fähigkeiten und unseres Bewusstseins ebenso das Erkennen und Lebenlernen der Polarität von Yin- und Yang-Energien. Und genau diese Polarität können wir in uns ausgleichen lernen, wenn wir neben unserer Faszination am Neuen bereit sind, uns Bewährtem zuzuwenden.
Dies bedeutet auch, die eigene Präsenz lange bei einem Menschen, einer Tätigkeit oder einer Situation halten zu können. Gerade dafür scheint heute aber eine ganz bewusste Entscheidung notwendig zu sein. Und dies nicht nur, weil durch den genannten Mechanismus des Wahrnehmungssystems unsere Aufmerksamkeit tatsächlich verstärkt von neuen Reizen eingefangen wird.
Allgemeiner gesprochen scheint der Wert yin-betonten, bewahrenden Verhaltens bei weitem nicht so positiv in unserem Bewusstsein verankert zu sein, wie der Wert yang-betonten, erweiternden Verhaltens.
Folgende Begebenheit aus einem Seminar mag das Gesagte verdeutlichen:
Ein Mann, der mit seiner Partnerin eine Tantra-Gruppe besuchte, war sehr unglücklich und aufgebracht über das vermeintliche Nichteinlassen seiner Partnerin. Die Tiefe der Berührung, die Tiefe der Begegnung, die er sich mit seiner Partnerin ersehnte, kam nicht zustande, obwohl er aus seiner Sicht voller Energie und Aktivität versuchte, die ersehnte Verbindung herbeizuführen. Im Zuge der Erfahrungen mit verschiedenen, Nähe ermöglichenden und Bewusstsein erweiternden Methoden, wurde mehr und mehr deutlich, dass das Problem vor allem mit seiner mangelnden Fähigkeit, präsent zu bleiben, in Verbindung stand. Seine Aufmerksamkeit wurde von allem und jedem eingefangen, so dass wenig Möglichkeit für ihn bestand, seine Partnerin wahrzunehmen, die "tragischerweise" mit ihrer Präsenz meist bei ihm war.
Diese Szene ist typisch. Es ist alles da, was wir brauchen, oft sogar das, wonach wir sehnsüchtig streben. Aber wir bemerken es nicht, weil wir nicht bereit oder in der Lage sind, uns in Stille auf das auszurichten, was jetzt im Moment direkt vor uns liegt. Und umso schwerer wird es, wenn die Befriedigung unserer Sehnsüchte in Zusammenhang steht mit Stille, Geduld, Ausdauer und tieferer Begegnung mit Menschen und Dingen.

Bewusste Entscheidung ist notwendig

Deshalb ist eine bewusste Entscheidung nötig, sich tiefer einzulassen, sofern ein wirkliches Erforschen der Verbindung zum eigenen Inneren, zu geliebten Menschen und/oder der universellen Energie gewünscht wird. Tiefer Einlassen heißt konkret, bereit zu sein für

die tägliche Praxis körperlicher, geistiger und meditativer Übungen, beispielsweise der Kirana Kriyas und der Kobra-Atmung
geliebten Menschen die Aufmerksamkeit intensiver zu schenken
die Stetigkeit und Verbindlichkeit eines gemeinsamen Wachstumsweges im Rahmen einer fortlaufenden Gruppe anzustreben.

Wir wünschen uns diese Zeilen als Anregung für Dich, einmal nachzuspüren, wohin Deine Aufmerksamkeit geht: Eher zum Suchen ständig neuer flüchtiger Reize oder eher zur vertieften Hinwendung zu Bekanntem und Bewährtem? Die ehrliche Beantwortung dieser Frage kann mit Sicherheit Licht in einige Probleme bringen.
Und wir wollen daran erinnern, dass erfülltes Leben beide Qualitäten benötigt:
Neues entdecken, erschaffen und gestalten auf der Basis wiederholender Praxis altbewährter, den Boden für stetiges Wachsen vorbereitender Methoden.

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