01. "Kleine Lehren predigen Taten - Folge nur einer Lehre, die groß ist."

aus: "Der Gesang vom Mahamudra" von Tilopa

Ein gleichermaßen bekannter wie umstrittener spiritueller Meister - Osho - hat einmal gesagt, dass Freud, Jung, Reich und die gegenwärtige Psychoanalyse im Westen ein Klima für eine tantrische Explosion hergestellt haben, deren Zeitpunkt gekommen ist ... heute.
Man mag das glauben oder nicht. Tatsache ist jedenfalls, dass in den letzten 20 Jahren in Westeuropa, insbesondere in Deutschland, eine Entwicklung vonstatten ging, die es möglich macht, in fast jeder Stadt Tantra-Seminare zu besuchen. Unzählige Institute sind gegründet worden, die alle mit "Tantra" werben. Welche Lehre, welche Ausrichtung und welcher Stil von den verschiedensten SeminarleiterInnen angeboten werden, zeigt sich allerdings oft erst beim Besuch eines konkreten Seminars.

Traditionelles oder "neurotisches" Tantra

Vor kurzem lernten wir Daniel Odier kennen, ein namhafter westlicher Vertreter des kaschmirischen Tantra (Lit.: "Tantra - Eintauchen in die absolute Liebe - Eine Initiation im Himalaya"). Daniel repräsentiert einen kompromisslosen spirituellen Weg zur Non-Dualität, zum Verschmelzen von weiblich und männlich. Regelmäßig praktiziert, kann er zur höchsten Erfahrung des Menschseins führen, dem Ziel, dass alle östlichen Lehren haben. In diesem fünftägigen Seminar, das von vielen bekannten deutschsprachigen Tantralehrern und -lehrerinnen besucht wurde, sprach eine Teilnehmerin plötzlich davon, dass sie den Eindruck habe, bisher nur "neurotisches Tantra" praktiziert zu haben. All die tantrischen Seminare und Trainings, an denen sie teilgenommen hat, hätten ihr die spirituelle Dimension von Tantra nie wirklich nahe gebracht.
Vielleicht ist der Ausdruck "neurotisches Tantra" nicht ganz glücklich gewählt, da er bewertet und dem tantrischen Gedanken des Bewusstwerdens und Akzeptierens von "dem, was ist" eher entgegensteht. Trotzdem vermittelt er etwas von der Art, wie Tantra hier im Westen häufig praktiziert und gelehrt wird: als Lebens- und Liebesschule, als Sex-Dekonditionierung, als Erforschen der Schattenanteile, als Weg des Herzens, als reiner Meditationsweg usw., je nach Persönlichkeit und Interesse der jeweiligen LehrerInnen.
All diese verschiedenen Methoden sind für den heutigen Menschen sicherlich wichtig und haben ihre Berechtigung, aber wenn man alles "Tantra" nennt, was bedeutet "Tantra" dann? Und für welche Schule soll sich der an Tantra Interessierte entscheiden, wenn fast alle erklären: "Tantra ist ein Weg, der Sexualität und Spiritualität verbindet"?
Natürlich sollten wir als Europäer ein östliches System nicht einfach nur übernehmen. Wir haben nicht den kulturellen Hintergrund der Inder und wollen ja auch keine Asiaten werden. Wir wollen auch nicht richten über "gute" und "schlechte" Tantrastile, aber wir wollen dazu beitragen, unsere Tantrische Vision transparenter zu machen, so dass sich Interessenten eine ungefähre Vorstellung davon machen können, was sie bei uns erwarten bzw. nicht erwarten können.

Tantrischer Kriya-Yoga als Basis unserer Tantrischen Vision

Zu uns kommen vermehrt Menschen, die schon diverse Tantraerfahrungen mitbringen und alle sagen uns essentiell dasselbe: "Ihr habt mit eurer Tantrischen Vision einen hohen Anspruch. Hier finde ich wirklich einen spirituellen Weg, den ich weitergehen kann und der alle Aspekte des Seins einbezieht!" Oder, wie es ein tantraerfahrener Teilnehmer erst kürzlich ausdrückte: "So, wie hier, habe ich mir Tantra-Gruppen immer vorgestellt."
Ermutigt von solchen Worten scheint die Zeit reif zu sein, unseren tantrischen Weg auf der Basis des Tantrischen Kriya-Yogas weiter zu vertiefen. Dabei verstehen wir unter Spiritualität nichts esoterisch "Abgehobenes", sondern das freudige Wiedererleben des Teil- und Eingebunden-Seins in ein größeres Ganzes - wir als Kinder des Universums. So kann Vertrauen und Verbundensein mit der Welt entstehen, eine vollständig andere Basis für unser Leben, als der allen bekannte Kampf ums Überleben, um den ekstatischsten Sex oder um die größte Macht, analog der Themen der unteren drei Chakren (Energiezentren)!
In Anlehnung an die Lehren von Swami Satyananda Saraswati und Sunyata Saraswati, mit Bodhi Avinasha als Vermittlerin, kristallisiert sich die Vorgehensweise innerhalb unserer tantrischen Seminare - auf dem meditativen Kanal - noch deutlicher heraus.

Sorgfältige Vorbereitung von Körper und Geist

1. Vorbereitende Körper- und Atemübungen sowie Massagen, um die Energiebahnen (Nadis) zu befreien und zu aktivieren
2. Erwecken der sieben Hauptchakren, beginnend beim Zentrum des Bewusstseins und der klaren Wahrnehmung der Realität, dem 6. Chakra, auch 3. Auge genannt, danach vom 1. Chakra aufsteigend
3. Erwecken der Kundalini-Energie, die in östlichen Traditionen als schlafende, zusammengerollte Schlange am Ende der Wirbelsäule dargestellt wird. Der Begriff "Kundalini" kommt aus dem Sanskrit und bedeutet "die Zusammengerollte". Das Aufsteigen der Kundalini-Energie und damit die höchste Entwicklungsstufe des Menschen zu erlangen, ist das Ziel traditioneller tantrischer Lehren. Dies kann aber erst geschehen, wenn der Feuerkanal (Sushumna) und die Chakren erweckt sind.
Der erste Punkt ist zentrales Thema all unserer Seminare. Wenn unser Körper nicht durchlässig wird und Energie aushalten kann, ist es nicht möglich, den tantrischen Weg zu gehen. Es ist, als ob wir Starkstrom durch dünne, zerbrechliche Drähte leiten wollten: der Draht wird verglühen! Ebenso wird bei hoher Energie unser Körper leiden, müde oder krank werden, wenn wir ihn nicht vorher gestärkt haben.
Bereits mit Beginn der Meditationspraxis beginnen wir auch mit der Erweckung des 6. Chakras. Diese Vorgehensweise finden wir als Besonderheit unseres Wissens nur im Tantrischen Kriya-Yoga. Und sie ist sehr wirkungsvoll, versetzt sie uns doch immer mehr in die Lage, bewusst wahrzunehmen, was wirklich geschieht, eine Voraussetzung für jeden spirituellen Weg: "Will ich weiter in meinen Illusionen schwelgen, Recht haben, Ängste schüren etc. (und dabei natürlich unglücklich sein/bleiben) oder bin ich bereit, die Wahrheit sehen zu wollen und zu umarmen (und damit den Kampf aufgeben und ins Fließen kommen)?"
Der wichtigste Schlüssel dazu ist der Kosmische Kobra-Atem, in den wir in weiterführenden Seminaren initiieren.
Wenn das 6. Chakra aufzuwachen beginnt, was mit Hilfe verschiedener Atem-, Visualisierungs- und Körperübungen geschieht, können wir beginnen, uns die Themen der anderen Chakren bewusster anzuschauen. Überlebensängste, emotionaler Schmerz und Wut, aber auch die Sucht nach Vergnügen und Macht/Rechthaben sind dabei die häufigsten unterdrückten Gefühle, die die Lebensenergie (Kundalini) am Aufsteigen hindern.

Rituale als Entfaltungsraum

Ein wunderbares tantrisches Mittel um diese Blockaden zu lösen sind Rituale. Der Ritualraum ermöglicht wie keine andere Form, auf leichte, spielerische, manchmal auch ekstatische und erotische Weise die Erweiterung selbstgezogener Grenzen und die Heilung alter Verletzungen, wenn wir bewusst und präsent bleiben können (Qualitäten des 6. Chakras). Bedenklich ist das Betreten des Ritualraumes nur, wenn wir nicht genügend tantrisch-meditativ vorbereitet und unbewusst sind und im Ritual nur weitere "Kicks" und Grenzerfahrungen suchen. Dann können neue Verletzungen und Traumata geschehen, vor allem, wenn dabei sexuelle Energie entfacht wird, ohne die dazu notwendige spirituelle Reife erlangt zu haben. Das ist sicherlich ein Grund, weshalb Tantra in Verruf kam, verkannt und gefürchtet wurde. Ritualerlebnisse ohne die nötige Basis und Zentrierung bleiben für die meisten eine kaum ins Leben zu integrierende Erfahrung. Sie sind vielleicht spektakulär, aber ohne Bezug zum Alltag, ohne nennenswerte Erweiterung der verschiedenen Lebensebenen und ohne Verbindung zu der größeren Kraft, die wir auf dem tantrischen Weg knüpfen wollen.

Traditionelle Tantrische Lehre

Ähnlich wie Daniel Odier, Sunyata Saraswati oder Bodhi Avinasha sehen wir unsere Aufgabe darin, das gesamte Spektrum des Tantra zu lehren: keine "Playshops", kein "Tantra-light" und keine "Liebesschule" (im erotischen Sinne), sondern Tantra als Lebensweg!

19 | 18 | 17 | 16 | 15 | 14 | 13 | 12 | 11 | 10 | 09 | 08 | 07 | 06 | 05 | 04 | 03 | 02 | ... | Artikel-Übersicht